Mit dieser leider für die Schach Kultur Wels schmerzlichen
Verlustpartie möchten wir die Tradition der kommentierten Meisterschafts- und
Turnierpartien wiederaufleben lassen. Schwarz spielt dabei sehr mutiges
Angriffsspiel inklusive Opfer, das nur bei sehr präzisem Spiel zu widerlegen
gewesen wäre, wie die nachfolgende Analyse (großteils
basierend auf den Partie-Annotationen von Erich) zeigt.
Erich Lichtl pflegt seine Weiß-Partien oftmals mit 1.b3 zu
eröffnen. Es entwickelt sich eine Art Nimzowitsch-Larsen-Angriff in Moderner
Variante [A0] mit 1…e5 2.Bb2 Nc6 3.e3 d6 4.Nf3 f5 5.d4 e4 wobei Buss sich scheinbar
ebenfalls gut vorbereitet präsentiert. Diese Stellung wurde auf internationaler
Meisterebene 10 Mal erreicht, wobei die Bilanz mit +5-3=2 für Weiß spricht. Der
Computer (Stockfish 6, 64bit, Tiefe 40)
sieht mit +0.85 klare positionelle Vorteile für Weiß, jedoch nur wenn trotz angegriffenem
Springer mit 6.d5 !? Druck gegen die schwarze Stellung entwickelt wird (wurde lt. Datenbank bisher auch stets in
dieser Stellung immer so gespielt). Es könnte etwa folgen 6.d5 exf3 7.dxc6
bxc6 8.Qxf3 und die schwarze Bauernstruktur ist geschwächt oder alternativ 6.d5
Ne7 7.Nd4 und Schwarz ist unterentwickelt mit Rochade in weiter Ferne. Ebenfalls
möglich wäre 6.d5 Nb4 7.Nd4 mit vielfältigen weißen Angriffsplänen. Es erfolgte
jedoch das eher passive 6.Nfd2, ein Novum bei dem Schwarz mit logischen Zügen
den Entwicklungsrückstand aufholen kann und der weiße Anzugsvorteil wieder
zusammenschmilzt. Es folgten die Computer-Favoriten 6….Nf6 7.c4 und die
Stellung erinnert an Französich mit vertauschten Farben. Schwarz schließt in
der abgespielten Sequenz mit 7…g6 8.Nc3 Bh6 9.a3 0-0 die Entwicklung ab und
erreicht eine nahezu ausgeglichene Stellung.

Weiß kann nun den Läufer direkt
nach 10.Be7 entwickeln oder mit 10.g3 einem möglichen vehementen Bauernvorstoß
mit …f4 vorbeugen. Erich entscheidet sich für Zweiteres. Nach
10.g3 Ng4 verbleibt
der weiße Bauer auf f2 bei noch nicht rochiertem König ein mögliches schwarzes
Angriffsziel. Dies wurde auch von Erich so seit einigen Zügen antizipiert. Es
folgte
11.Qe2 f4?! als vehementer schwarzer
Angriff. Ein Schlagen mit günstigem 12.exf4 ist wegen des dann möglichen
Springereinschlag auf d4 leider nicht möglich – Weiß ist zu
12.gxf4 mit Schwächung
der Königsstellung gezwungen. Die schwarzen Angriffspläne sind nun vielfältig.
Der Computer empfiehlt
12…Nxd4! Und die weißen Verteidigungsbauern brechen
auseinander mit
13.exd4 e3!! 14. fxe3 Qh4+
15.Kd1 Nf2+ und Schwarz hat eventuell Qualität und Angriffsfortsetzung für die
Figur. Es könnte aber auch ein alternativer Angriff mit Läuferopfer erfolgen
mit
12…Bxf4! Und der Läufer kann wegen Nd4 nicht erobert werden. Es müsste bei
korrekter weißer Verteidigung folgen
13.Ncxe4 Bxe3 14.fxe3 Qh4+ ebenfalls mit Aussicht
auf Qualität als schwarze Figurenkompensation. Buss entscheidet sich jedoch
zuerst den Druck auf f2 ohne Opfer zu erhöhen.

Es folgte
12….Qh4 auf das Weiß
13.Ndxe4 antworten müsste, z.B. mit
13…Nxd4! 14.exd4 Rxf4 und die Stellung hält
bei akkuratestem Spiel von Weiß mit soliden Vorteilen. Alternativ könnte auch
13.h3 oder 13.0-0-0 zur Rettung des weißen Monarchen erfolgen. Bei
13.0-0-0
Nxf2 14.Qe1 g5 15.Rg1 Qxh2 kann Schwarz Qualität und stellungsmäßigen Ausgleich
erringen. Diese Linie wurde auch von Erich Lichtl in Betracht gezogen, jedoch als
zu remislich klassifiziert.

Leider meint Erich, mit dem korrekt wirkenden
13.Ncxe4
weiter auf Sieg spielen zu können. Es erfolgt mit
13…Nxe3!! 14. Qxe3 ebenfalls ein
scharfes schwarzes Figurenopfer das nun leider völlig korrekt ist. Der Angriff
wird mit
14…Bxf4 gegen die Dame fortgesetzt. In dieser Stellung müsste
unbedingt 15.Nf3 mit Damen-Gegenangriff folgen. Erich zieht die Dame mit
15.Qe2
ab sodass sich mit
15…Bg4 die nächste Schwarzfigur in den Angriff einschaltet. Es
folgt
16.Qd3 (
wäre auch bei Zug 15 direkt
gegangen)
Rae8 17.Bg2 Bf5. Der schwarze Angriff zu diesem Zeitpunkt wirkt
unaufhaltsam – der gefesselte weiße Springer auf e4 droht nach …Bxd4 erobert zu
werden.

Erich entscheidet sich für einen letzten Gegenangriff. Es folgte
18.d5
Bxd2+ 19.Kxd2. Die Stellung ist nun mit
19…Rxe4! 20.Bxe4 Bxe4 21.Qg3 Rxf2+ bei
Mehrfigur für Schwarz schlicht gewonnen. Buss zieht das pragmatische aber annähernd
gleich vehemente
19…Bxe4 20. Bxe4 Rxf2+. Nach
21.Kc1 könnte Schwarz mit 21…Rxe4
und aufziehender Matt-Drohung das Abschlagen des Springers einfach ignorieren.
Durch das vorsichtigere
21…Qf4+ 22.Kb1 Ne5 verflacht der schwarze Vorteil
etwas.

Weiß müsste nun durch Abschlagen des Springers erste Schritte in Richtung
eines ev. noch irgendwie bei Mithilfe des Gegners haltbaren Turmendspieles mit
Verlustbauer zu vereinfachen – der Läufer hatte ohnehin keine Perspektive mehr,
wie sich im weiteren Partieverlauf zeigt. Es folgte in mittlerweile massiver
Zeitnot
23.Qd4 Rd2! (
von Erich
schlichtweg übersehen)
24. Bc1 Rxd4 25. Bxf4 Rxe4 26.Bd2 Nf3 27.Ra2 Re2
28.Bf4 Rxa2 29.Kxa2 Re2+ 30.Kb1 und der weiße König ist im Endspiel an die
Grundlinie gefesselt und die Stellung schon lange technisch für Schwarz
gewonnen. Ein weiterer Bauer geht verloren, die Aufgabe erfolgt nach
Zug #39,
0-1.
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